Hundstage – eine Utopie

Ich erwachte wie üblich um die Mittagszeit, raffte mich von der Matratze hoch und quälte mich Richtung Toilette. Danach kochte ich mir Kaffee, rauchte einige Zigaretten und nach dem Kaffee machte ich mir ein Bier auf. Es war das letzte und ich musste dann zum Supermarkt für etwas zum Essen und eben für Bier. Danach war Fernsehen bis zum Abwinken angesagt, manchmal hatte ich auch irgendwo einen Termin. Das war mein Tagesablauf schon seit Monaten. Nicht sehr befriedigend, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Die meiste Zeit störte mich das Toben der Kids in der Wohnung über mir, doch heute war es auffallend ruhig. Ich machte mich auf den Weg und ging die Straße runter, als ich auf die Hauptstraße trat, fielen mir die herrenlosen Fahrzeuge auf, die mitten auf der Straße standen. Ich schloss die Augen, drückte sie fest zusammen, öffnete sie wieder: noch immer das gleiche Bild: es war Mittag, die Sonne schien. Ich ging auf ein Auto zu und öffnete die Tür: es war niemand darin. Dann fiel mir auf, dass auch auf der Straße kein Mensch zu sehen war. Ich eilte zum Supermarkt, Einkaufswägen standen in den Gängen herum. Ich fühlte mich plötzlich sehr schlecht, wähnte mich in einem Albtraum. Ich kniff mir in die Hand und der Schmerz bewies das Gegenteil. Benommen ging ich durch die Gänge, mein Hirn, meine Gedanken waren wie eingefroren. Übelkeit stieg in mir hoch und es wurde schwarz vor meinen Augen. Auf dem Gang liegend kam ich wieder zu mir. Mühsam stand ich auf, schwankte nach draußen. Es war später Nachmittag geworden und die Schatten wurden länger. Mich überfiel ein Gefühl dieser Trostlosigkeit, Tränen stiegen in mir hoch. Was war hier bloß los? Ich schleppte mich nach Hause, hoffte dort ein Stück Normalität vorzufinden. Als erstes schnappte ich mir mein Handy, wählte eine Nummer, doch es herrschte Totenstille. Dann wollte ich den Fernseher anschalten, doch der war tot. Auch das Licht funktionierte nicht, im Kühlschrank war es dunkel. Es gab keinen Strom mehr, ich setzte mich und versuchte nachzudenken: keine Chance. Was soll ich bloß machen? Plötzlich hatte ich das dringende Bedürfnis, nach Alkohol. Es war dunkel draußen und unheimlich. Im Supermakt füllte ich meinen Rucksack mit Bier und einer Flasche Whiskey. Daheim trank ich, bis ich einschlief. Als ich aufwachte war es wie üblich Mittag und es dauerte, bis ich mich an gestern erinnern konnte. War alles ein böser Traum gewesen? Ich stürzte zum Lichtschalter, doch es gab kein Licht. Auch kein Wasser. Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln, doch sie bewegten sich im Kreis. Ich hatte höllische Kopfschmerzen bekommen, trotzdem musste ich raus, um einige Sachen zu besorgen. Draußen war alles wie gestern. Zuerst ging ich in die verwaiste Apotheke, ging hinter den Schalter und suchte nach Schmerzmitteln, fand welche und ging zum Supermarkt, packte Wasser, Kerzen, Käse und Wurst in den Einkaufswagen. Irgendwann würde das Zeug anfangen zu gammeln, und dann? Gedankenverloren betrat ich die Trafik, holte mir Zigaretten und ging nach hause. So vergingen die nächsten Tage und mangels Wassers fing ich an zu muffeln. Also packte ich das Duschgel und ein Handtuch, um mich im nahen Fluss zu waschen. Im Supermarkt hatte das Obst und Gemüse angefangen zu gammeln, es schimmelte und vor den Tiefkühlschränken hatten sich riesige Wasserpfützen gesammelt. Es roch dementsprechend. Zuhause war es höchste Zeit, die verderblichen Sachen im Kühlschrank zu entsorgen. Bei den Mülltonnen sah ich gut genährte Ratten, die quiekend vor mir flüchteten. Ich ekelte mich, die Tiere würden sich sicher stark vermehren und das machte mir Sorgen. Immer wenn ich nach draußen ging, empfing mich diese unheimliche Stille. Kein Vogelgezwitscher, kein Kindergeschrei, kein Autolärm, keine Menschenstimmen. Ich fühlte diese Stille körperlich, es drückte mich förmlich zu Boden, nahm mir den Atem. Daheim war es ebenfalls still, vor der Katastrophe lief die ganze Zeit der Fernseher, jetzt vermisste ich sogar den ständigen Lärm über mir. Diese erbarmungslose Stille zusammen mit dieser gottverlassenen Welt zerrte an meinen Nerven. Ich versuchte es mit Lesen, doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Unschlüssig ging ich in der Wohnung hin und her, es beschäftigte mich ein Gedanke, den ich schon länger hatte. Schließlich fasste ich den Entschluss, ihn zu verwirklichen. Ich zog mich an und ging zur Apotheke. Dort fing ich an zu suchen, und bald fand ich was ich wollte: diazepamhaltige Medikamente. Obwohl ich vor der Katastrophe gerne alleine war, diese Art von Einsamkeit und schrecklicher Stille hielt ich nicht länger aus. Ständig sich sinnlos im Kreis drehende Gedanken und diese Trostlosigkeit konnte ich nüchtern nicht länger ertragen. Es war mir egal, ob ich schwach war, ich konnte es vor mir verantworten. Eine Ausnahmesituation verlangt besondere Maßnahmen. Ich war schwer depressiv geworden, und das ging auf Dauer auch nicht gut. Ich fand einiges: Psychopax, Valium, Rivotril. Zuhause leerte ich Psychopax ins Bier und später spürte ich, wie ich mich entspannte. Ich rauchte genüsslich eine Zigarette und später fing ich an, die Wohnung zu putzen. Wasser holte ich schon seit einiger Zeit regelmäßig vom Fluss. Ich hatte es in Kanister gefüllt, auch um die Toilette zu spülen. Drei Stunden später war die Bude blitzblank, es ging mir um einiges besser, es war wie Urlaub für die Seele. Am nächsten Tag begab ich mich wieder auf den Weg zum Supermarkt. Ich ernährte mich mittlerweile von Essen aus Dosen, das ich auf einem Gaskocher ernährte. Ich hatte kaum den halben Weg zurückgelegt, da sah ich plötzlich in einiger Entfernung diesen Schäferhund auf dem Gehsteig. Er lag flach auf dem Boden, die Vorderpfoten ausgestreckt. Er winselte und wedelte mit dem Schwanz. Hocherfreut, ein Lebewesen entdeckt zu haben, das mir sogar vielleicht Gesellschaft leistete, ging ich auf ihn zu und in die Hocke, um ihn zu streicheln. Plötzlich knurrte er und biss in meine Hand. Ich hatte eine tiefe Wunde und die Hand schwoll sofort an, es schmerzte heftig. Der Hund hatte sich entfernt, er starrte mich noch einmal aus weit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen an, bevor er kehrt machte und davonrannte. Verdammt, dachte ich, das hat mir gerade noch gefehlt. Ich lief zur Apotheke, schnappte mir Verbandszeug und Desinfektionsmittel, Schmerztabletten und Benzos. Zuhause schüttete ich das Desinfektionsmittel über die Wunde und verband die Hand so gut es ging. Die ganze Hand pochte im Rhythmus meines Herzschlages. ich nahm eine ziemliche Menge Schmerztabletten und Benzos. Das Ganze spülte ich mit einem Bier hinunter. Ich erwachte im Morgengrauen, die Schmerzen hatten mich geweckt. Ich entfernte den Verband, die Bisswunden hatten sich infiziert und waren schwärzlich verfärbt. Die Finger zu bewegen bereitete mir Mühe. Ich spürte, wie mir der Speichel aus dem Mundwinkel troff. Angst und Wutgefühle wechselten sich ab. Mir wurde klar, dass der Hund mich mit Tollwut angesteckt hatte und was mir bevorstand. Aber egal, früher oder später wäre es sowieso zu Ende gewesen. Und in einer verlassenen Welt wollte ich nicht leben. Nur ein langsames Zugrundegehen werde ich vermeiden. Ich öffnete die Packung Benzos und nahm langsam eine Tablette nach der anderen. Nach jeder Tablette nahm ich einen Schluck Whiskey. Ich würde müde, vor meinen Augen verschwamm alles und mein Herzschlag wurde langsamer. Ich war bereit.

//Johann

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