Helmut Qualtinger: wenn man zu gut Wienerisch spricht

Es gab einmal eine Zeit, da passierten im Theater schockierende Dinge. Heute geht da glaube ich nicht mehr so wirklich jemand hin, vielleicht zwangsweise mit der Schulklasse und dann wieder jenseits der Sechzig. Damals aber, in der Nachkriegszeit, war die Bühne noch für einen handfesten Skandal gut. Wien schaut heute stolz auf Helmut Qualtinger zurück, den großen Schauspieler, Schriftsteller, Kabarettist und Rezitator. Zu Lebzeiten aber hat man ihn wohl zeitweise regelrecht gehasst, denn der Österreicher schaut nicht so gerne in den Spiegel. Qualtinger war wohl vor allem eins: recht frech. Als die Nazis das Feld räumen mussten und die Sowjets mit dem Regieren an der Reihe waren, soll er mit einem aufgenähten Sowjetstern auf der Brust und einem selbstausgefertigten Ermächtigungsschreiben eine Villa für die Gründung eines linksgerichteten Theaters beschlagnahmt und Schauspieler geworben haben. Immerhin musste er dafür drei Monate ins Gefängnis.

Als es dann wieder möglich war, Theaterstücke aufzuführen, ließ Qualtinger keine Gelegenheit aus, sein Publikum zu verärgern. Eines der ersten Stücke war so gesellschaftskritisch, dass es nur unter Polizeischutz aufgeführt werden konnte. Das Stück hieß „Jugend vor den Schranken“ und es ging darin um die schwere Lage der österreichischen Nachkriegsjugend. Qualtinger hatte es wohl ein bisschen zu eindrucksvoll geschafft, die gesellschaftlichen Missstände auf die Bühne zu bringen. Das Publikum tobte und geiferte. In einer Szene des Stückes verlangt der Staatsanwalt die Todesstrafe für den Jugendlichen Straftäter. Als das Publikum bei der Aufführung in Graz in die Szene brüllte und die Todesstrafe für den Verfasser des Stücks forderte, wurde es am nächsten Tag postwendend vom Spielplan gestrichen. Ich nehme mal an, damals bestand das Publikum nicht aus zwangsbeglückten Schülern und Rentnern.
In den 60er Jahren machte Qualtinger sich einen Namen mit seinen Kabarettstücken, die Größen der österreichischen Schauspielszene waren mit von der Partie. Seine „Travnicek-Dialoge“ mit Gerhard Bronner (Autoren: Merz und Qualtinger) sind in die Kabarettgeschichte eingegangen.
Vielleicht ist ja der deutsche Hape Kerkeling von Qualtinger inspiriert worden, als er 1991 als niederländische Königin verkleidet bis zum Schloss Bellevue vorfahren konnte und ein „lekker Mittagessen“ für nach dem geplanten Staatsempfang orderte. Die echte Königin war da zwar unterwegs zu ihrem Empfang, wusste aber nicht dass ihr Doppelgänger vor ihr angekommen war. Qualtinger hatte sich auf ähnliche, noch raffiniertere Art 1951 einen Namen gemacht, als er es schaffte, eine Zeitungsente zu lancieren, in der der Wienbesuch des berühmten Eskimodichters Kobuk mit seinem Schlittenhundroman Heia Musch Musch angekündigt wurde. Zahlreiche Reporter versammelten sich am Wiener Westbahnhof. Dem Zug entstieg statt des erwarteten Gastes Helmut Qualtinger mit Pelzmantel und -mütze. Von einem Radioreporter nach seinem ersten Eindruck von Wien befragt, antwortete er: „Haaß is’“.
1961 kam dann der „Herr Karl“, ein Einpersonenstück, raus. Ich würde ja sagen, jeder Österreicher muss das gesehen haben (Deutsche wohl oder übel mit Untertiteln). Der Herr Karl bohrt in der alten Nazi-Wunde der Österreicher. Qualtinger spielt einen Angestellten in einem Feinkostladen, der sich mit einem Kollegen (der Kamera) unterhält. Er ist der typische Mitläufer, der „sichs gerichtet“ hat mit stets der richtigen Dosis an Bücklingstum, Feigheit und Geschäftssinn. Äußerlich ist der Herr Karl ein freundlicher, gut bürgerlicher Herr, bei näherem Hinsehen entlarvt er sich aber als ein unberechenbarer „stiller Mittäter“, zu denen wohl tragischer Weise die meisten Österreicher gehört haben. Das war wohl auch der Grund dafür, dass Qualtinger sich mit dem Herrn Karl keine Freunde gemacht hat. Wer bekommt schon gern vorgeführt, dass er die größten Verbrechen an der Menschheit womöglich auch noch voll stiller Überzeugung mitgetragen und möglich gemacht hat.
Aber auch die Deutschen wusste er gegen sich aufzubringen: 1976 verursachte Qualtinger bei einem Auftritt in betrunkenem Zustand in der Sendung 3 nach 9 von Radio Bremen unter anderem mit der Aussage „Die Deitschn san bleed“ einen Fernsehskandal. So einfach war das damals noch.
Tragischer Weise blieb er seinem zu Lebzeiten sehr kleinen Publikum nicht lange erhalten. Die Alkoholsucht forderte ihren Tribut. Sein letzter -übrigens sehr sehenswerter- Film „Die Name der Rose“ nach dem Roman von Umberto Eco muss für den schwer an Leberzirrhose erkrankten Qualtinger eine Tortur gewesen sein. Die letzten Szenen mussten dutzdende Male neu verfilmt werden, weil er an unerträglichen Schmerzen litt. Im Alter von 57 Jahren starb Qualtinger am 29. September 1986 in seiner Geburtsstadt Wien an alkoholbedingter Leberzirrhose. Er ist in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt.

//Alex

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