Anarchie und ein nicht geklautes Buch

Eigentlich wird es in diesem Artikel um Anarchie in Spanien gehen, aber auch darum, wie ich einmal ungewollt zum Dieb wurde, ohne etwas zu klauen. Ich möchte zunächst von einer Sache erzählen, die mir vor nun schon einiger Zeit passiert ist und wo man sich im Nachhinein denkt, wie zum Henker das möglich war. Nachdem man sich sinnloserweise das Hirn darüber zermartert hat, beschließt man dann letztendlich, die Sache einfach so zu akzeptieren, wie sie ist und fertig, weil es hilft eh nix. Aber das ich nun darüber schreibe, zeigt, das mich das Ganze noch immer beschäftigt. Aber zum Thema.
Ich bin ein Bücherfreund und habe gern Bücher um mich. Eines Tages besorgte ich mir in einer Grazer Buchhandlung Nachschub, stöberte ein bisschen herum, fand drei, vier Bücher die ich kaufte, setzte mich in einen Gastgarten auf ein Bier und fuhr nach Hause. Daheim angekommen packte ich die Bücher aus und sah voller Erstaunen ein Buch, das ich weder ausgewählt hatte noch kannte und auch nicht bezahlt hatte. Es stammte von dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch und trug den Titel „Graf Öderland“. Es geht darin -grob gesagt- um Anarchie. Der Leser begleitet einen Bankangestellten, der jahrzehntelang brav Tag für Tag seine Arbeit verrichtet und schließlich einen sinnlos erscheinenden Mord verübt und einen Staatsanwalt, der sein Leben nicht mehr erträgt, der den Mörder versteht und beginnt, mit einer Axt bewaffnet, Menschen zu töten. Seine Anhänger nennen ihn Graf Öderland. Das Buch hat mich stark beeindruckt und ich habe mich oft gefragt, wieso gerade es in meiner Tasche gelandet ist. Ich habe mich auch oft gefragt, ob es vielleicht eine unbewusste Aktion war, dass ich, gedankenverloren wie ich oft bin, mir das Buch angesehen und eingepackt habe. Somit wäre es geklaut und ich sollte mich was schämen. Allerdings halte ich diese Theorie für leicht abwegig. Aber das Buch ist wie für mich ausgesucht. Warum mir das Buch gefällt? Es geht um Anarchie und Rebellion gegen das System, die Verzweiflung des Menschen im staatlichen Korsett. Doch das mit der Anarchie funktioniert nicht, das Ganze endet ihn einen blutigen, gewaltvollen Aufstand. Auch in der Realität haben Anarchie und „Keine Macht für Niemanden“ meist wenig Chancen auf Bestand, selbst in der berühmt-berüchtigten dänischen freien Stadt Christiania gibt es Regeln und einen Vorstand.
Damit ich keinen Blödsinn zusammenschreibe, hab ich also nachgeschaut, was Anarchie eigentlich bedeutet und versucht, die Frage aller Fragen zu lösen: „Hat es jemals irgendwo funktioniert?“. Im österreichischen Wörterbuch steht: „Herrschaftslosigkeit, Zusammenleben ohne staatliche Ordnung, Gesetzlosigkeit, Chaos“ und auf Wikipedia findet man folgende Definitionen: „1. Zustand der Gesetzlosigkeit, politische Wirren; 2. gesellschaftlicher Zustand, in dem eine minimale Gewaltausübung durch Institutionen und maximale Selbstverantwortung des Einzelnen vorherrscht. Rebellion hingegen wird als Aufstand, offene Auflehnung einer kleinen Gruppe bzw. Aufbegehren oder Sichwidersetzen definiert“.
Ein gutes Beispiel für eine funktionierende Anarchie, die auf Menschlichkeit und Freiwilligkeit beruht, bieten die Bauern- und Arbeiteraufstände in Spanien vor und während des Spanischen Bürgerkrieges unter dem Diktator Franco von 1936-1939. Es war eine Gesellschaftsform, die sowohl dem Kapitalismus als auch dem Staatssozialismus sowjetischer Prägung entgegenstand und selbst unter Kriegsbedingungen zeigen konnte, das sie wesentlich produktiver und vor allem menschlicher sein kann als die Herrschaft des Kapitals oder der Bürokratie. Spanien war und ist eine agrarisch geprägte Gesellschaft. Leider kann ich nicht auf alle Aspekte der spanischen Geschichte eingehen, denn es würde den Rahmen sprengen.
1931 mussten von 11 Mio. Erwerbstätigen ca. 8 Mio. zu den Armen gezählt werden. Auf der anderen Seite gab es eine Schicht von Reichen, die aus Großgrundbesitzern, reichen Großbürgern, Geistlichen und Militärs bestand. Einer kleinen Gruppe von Großgrundbesitzern gehörte fast das ganze Land. Diese Situation, in der erbärmlicher Lohn, Arbeitslosigkeit das halbe Jahr lang und ein Vegetieren am Rande des Hungertodes den Alltag eines Großteil des spanischen Volkes darstellte, rief ein explosives soziales Klima hervor. Die Sklaven, Unterdrückten und Rechtlosen waren bereit, für gerechten Lohn und ihr eigenes Land zu kämpfen. Das sollte sich bis zum Tod Francos 1975 und darüber hinaus für lange Zeit nicht ändern. Bereits 1855 brachen die ersten Bauernaufstände aus und es wurden immer mehr. Die Bauern und Landarbeiter hingen einem anarchistischem Ideal nach, der bäuerlichen Dorfgemeinschaft (Pueblo). Sie war selbstverwaltet und beruhte auf Kollektivismus und Gleichheit. In Bruderschaften organisiert sorgten die Bauern seit dem Mittelalter mit einem Genossenschaftswesen in jeder Art für ihre Mitglieder. So sorgten sie z. Bsp. für Witwen und Waisen, Alte und Kranke und bewirtschafteten gemeinsam das Land, das ihnen von den Adligen zur eigenen Nutzung überlassen wurde.
1910 schlossen sich die katalanischen Organisationen der „Libertären“ in der CNT (Confederacion Nacional del Trabajo) zusammen. Die direkte Aktion war ihr Kampfmittel, der Kampf wurde in den Betrieben geführt, in zum Teil monatelangen Streiks, die mit drakonischen Unterdrückungsmaßnahmen beantwortet wurden. 1927, noch unter Diktator Primo de Riveras, wurde die „Federacion Anarquista Iberica“ (FAI) gegründet. Einer der folgenreichsten, von der FAI organisierten Aufstände fand in Asturien, im Nordwesten Spaniens gelegen, statt. Nach zwei Wochen wurde die Bewegung von dem erstmals in Erscheinung tretenden General Franco niedergemetzelt. Die Bilanz der Kämpfe: 13.000 Tote und 30.000 Gefangene. Außerdem durchzog seit dem Februar 1936 eine Terrorwelle der Falangisten, vergleichbar mit den italienischen Faschisten das Land. Diese Terroraktionen waren genau wie die der NSDAP und der italienischen Faschisten darauf aus, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und jede revolutionäre Bewegung im Volk im Keim zu ersticken.
Am 17. Juli 1936 begann der Putsch des Militärs unter General Franco. Die Militärs siegten, aber dort, wo sich die Massen den Truppen entgegenstellten, oft nicht mit mehr als ihren Fäusten zur Verfügung, wo die Arbeiterschaft entschlossen für ihre Rechte eintrat, konnten die Generäle keinen Fußbreit erobern. Die Bastionen des Widerstandes lagen vor allem in Madrid und Katalonien und dort vor allem in der Hauptstadt Barcelona. Ein schneller Durchmarsch wie von General Franco geplant war nicht in Sicht. In den Gebieten, in denen sie triumphierten, ließen sich die Arbeiter die historische Chance zur proletarischen Revolution nicht entgehen. Eine der ersten Taten der anarchistischen Arbeiter war die Ausräucherung der Kirchen und Klöster. Diese wurden in Gemeinschaftsräume (Krankenhäuser, etc.) umgewandelt. Die Kirche und die Priester hatten sich zu Beginn des Aufstandes an die Seite der herrschenden Klasse gestellt und die in den Kirchen verschanzten Aufständischen, Priester und Mönche hatten das Feuer auf die Arbeiter eröffnet. Außerdem wurden Verkehrsbetriebe, Telefongesellschaften, Dienstleistungsbetriebe, Kinos und die Landwirtschaft unter die Kontrolle der Arbeiter gestellt. Den Kollektiven blieb trotz der unbestreitbaren Erfolge nur eine kurze Zeit in der Geschichte des spanischen Bürgerkrieges. Die soziale Revolution des spanischen Volkes gegen den Faschismus wurde mit zunehmender Dauer des Krieges sowohl von innen als auch von außen bedroht und schließlich blutig niedergeschlagen. Ein weiterer wichtiger Faktor war die militärische Intervention ausländischer Mächte im spanischen Bürgerkrieg. Schon sechs Tage nach Ausbruch des Putsches wurde General Franco zuerst von Hitler und dann von Mussolini massive Militärhilfe zugesagt. Nachdem die Euphorie des Volkes, die tragende Kraft der spanischen Revolution und der Erfolge im Kampf gebrochen war, war es nur eine Frage der Zeit, bis Franco siegen würde. Von den nicht-faschistischen europäischen Staaten im Stich gelassen fiel Stadt für Stadt, Dorf für Dorf in die Hände der frankistischen Truppen. Am 26. Jänner 1939 fiel Barcelona und auch das „Rote Madrid“ hielt nicht stand und musste am 28. März bedingungslos kapitulieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war zwar ein Viertel Spaniens nicht von den Nationalisten besetzt und es wurde weiterhin Widerstand geleistet, jedoch konnte Franco nicht mehr ernsthaft gefährdet werden. Franco regierte Spanien bis zu seinem Tod 1975. Unmittelbar nach dem Krieg wurden in ganz Spanien politische Gegner verfolgt, in Konzentrationslagern gefangen gehalten und ermordet. Nach vorsichtigen Schätzungen gab es 80.000 Todesurteile und zwei Millionen inhaftierte Spanier. Ich finde es erstaunlich, das sich in Spanien eine Diktatur so lange halten konnte, und wenn man bedenkt, das die Nazis bereits 1945 erledigt waren und wir noch immer mit diesem Ungeist zu kämpfen haben, frage ich mich, wie die Spanier mit ihrer Geschichte umgehen.
Mit dem Erstarken der sozialen Bewegungen im post-frankistischen Spanien lebte auch die Bewegung der Landarbeiter wieder auf. Es gründeten sich nicht nur neue, unabhängige Landarbeitergewerkschaften, um sich für bessere Lebens-und Arbeiterbedingungen einzusetzen, nachdem es auch der demokratischen Regierung nicht gelang, die Landfrage befriedigend zu lösen. Es begann sich eine regelrechte Bewegung zur Landbesetzung zu formieren. In Marinaleda begann man Ende der 70er, Anfang der 80er zunächst in Sevilla und in Madrid für die eigenen Belange zu demonstrieren. Nachdem diese Protestform nicht die gewünschten Erfolge erzielte, gelang es dem Dorf 1984 durch einen Hungerstreik, an dem sich die Hälfte der Bewohner beteiligte, dem örtlichen Großgrundbesitzer zunächst 240 und dann 1200 Hektar Land abzutrotzen. Stück für Stück wurde in Marinaleda ein dörflicher Sozialismus geschaffen. Einer der Grundpfeiler dieses Ausbaus ist sicherlich die Wohnungspolitik. So hat jeder in Marinaleda ein Anrecht auf ein eigenes Haus, die Gemeinde stellt dazu kostenlos sowohl das Grundstück und das Baumaterial zur Verfügung. Von der Bevölkerung wurde beschlossen, pro Monat 15 Euro Miete in einen Fonds für die Errichtung weiterer Häuser einzuzahlen. Die Häuser, im Schnitt 100 m² groß, bleiben formell im Besitz der Gemeinde und können vererbt, aber nicht verkauft werden. Dazu gibt es eigene Kinderkrippen und ein Schulzentrum, ein kommunales Schwimmbad für eine Gebühr von drei Euro pro Jahr, einen großen Park mit Amphitheater sowie Sportanlagen. Der Arbeitslosigkeit tritt man durch Kooperativen und einer Vielzahl von Ausbildungsprogrammen entgegen. Seit 1979 stellt ein linkes Bündnis den Bürgermeister und eine Mehrheit des Stadtrates. Die Entscheidungen werden durch Stadtteilversammlungen, die Gewerkschaft, die Vollversammlung des Dorfes sowie durch diverse Bürgerkomitees ergänzt. Vor diesen Versammlungen sind die offiziellen Vertreter rechenschaftspflichtig. Als Kontrollmechanismus fungieren dabei die Kommunalwahlen, bei denen nicht wiedergewählt wird, wer die Entscheidungen der Versammlungen missachtet.
So sehr dieses Modell auch als interessante Abwechslung erscheinen mag, so sehr ist es wahrscheinlich, das Marinaleda ein inselhaftes Idyll für freunde des Kollektivismus bleiben wird. Einer Ansiedlung von außen steht man kritisch entgegen, wahrscheinlich würde sie die Einheit der Gemeinde gefährden. So bleibt Marinaleda wohl mehr eine – wenn auch gelebte – Utopie, als eine wirkliche Alternative. Ein Kleinod quasi, wie es der „Graf Öderland“ für mich geworden ist, der ganz einfach in meiner Tasche gelandet ist und mich dazu inspiriert hat, über spanische Anarchie zu schreiben.

//Johann

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