Wie die Suche nach dem Paradies das Paradies zerstörte: der Stamm der Hadza

In diesem Artikel geht es um einen indigenen Stamm im Norden des ostafrikanischen Staates Tansania, der sich „Hadza“ nennt, was soviel wie „Mensch“ oder „menschliches Wesen“ bedeutet. Der Stamm lebt in der Serengeti. Die Serengeti ist eine Savanne, die sich vom Norden Tansanias bis in den Süden Kenias erstreckt. Die Hadza sind Jäger und Sammler und eine der letzten naturnah lebenden Gemeinschaften, die noch Steinwerkzeuge verwendet, weshalb sie für die Wissenschaft von großer Bedeutung sind. Sie sprechen eine sogenannte Klicksprache, die mit keiner anderen Sprache auf der Welt verwandt ist. Allerdings leben heute nur mehr 1000-1500 von ihnen auf ca. 57.000 Hektar. Für die Hadzas interessieren sich Sozialwissenschafter, Anthropologen und Biologen gleichermaßen, weil sie einen Lebensstil haben, der Aufschluss über die Geschichte menschlicher Evolution gibt und ihre ursprüngliche Ernährungsweise beibehalten haben. Auch die Tatsache, dass sie eine kleine, nicht technisierte Population sind, die nomadisch oder halb-nomadisch in wechselnden Gruppen unterschiedlicher Größe mit großen sozialen Netzwerken lebt, macht sie so interessant. Zudem leben sie in einer Region, die oft als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet wird. Doch ihr Paradies weckt schon seit längerem Begehrlichkeiten, der Stamm wird wohl nicht mehr lange erhalten bleiben.
Ihr Lebensraum, den sie seit Jahrtausenden bewohnen, ist bedroht. Im Laufe der letzten hundert Jahre ist er um 90% geschrumpft. Die Hadzas werden von Farmern und Viehzüchtern an die Grenzen ihrer Gebiete gedrängt: „Weil wir keine Pflanzen anbauen oder Vieh halten, betrachten die meisten Menschen, auch die Regierung, unser Land als leer und ungenutzt“, berichtet ein Hadza. Bis in die 1950er Jahre überlebten die Hadzas durch Jagen und Sammeln, doch seitdem hat die Regierung Tansanias wiederholt versucht, die Hadzas in festen Dörfern anzusiedeln. In den vergangenen fünf Jahren hat jedoch die zunehmende weltweite Aufmerksamkeit für ihre Situation zu einigen entscheidenden Erfolgen für die Hadzas beigetragen. 2007 drohte den Hadzas die Vertreibung, nachdem ein ausländisches Safari-Unternehmen umfangreiche Jagdgenehmigungen von der tansanischen Regierung bekommen hat. Doch das Unternehmen musste sich aus dem Vorhaben zurückziehen, nachdem internationale Kampagnen der Hadza sowie lokaler als auch internationaler NGOs zu weltweiten Protesten geführt hatten.
Die Hadzas sammeln nur sehr wenige materielle Besitztümer. Die wenigen Dinge die sie haben, werden mit allen Stammesmitgliedern geteilt. Für sie ist Teilen keine Geste der Großzügigkeit. Es ist eine moralische Verpflichtung zu geben was man hat, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Gleichheit spielt für die Hadzas eine wichtige Rolle und sie erkennen keine offiziellen Anführer an. So haben auch die Frauen einen hohen Grad an Unabhängigkeit und sind bei Entscheidungsfindungen den Männern gleichgestellt. Die Ernährung der Hadzas besteht aus den ölhaltigen Samen der Baobab-Baumfrucht, Wurzelknollen, Hülsenfrüchten, Beeren, Groß- und Kleinwild und Honig. Den Honig sammeln sie in Zusammenarbeit mit dem Großen Honiganzeiger, einem Vogel, der selbst nicht in der Lage ist, die Nester zu plündern. Er führt durch auffällige Bewegungen und seinen charakteristischen Ruf sowohl den Honigdachs als auch die Jäger zu den Standorten und profitiert durch die Plünderung der Nester, indem Wachs und die Brut für ihn übrigbleiben. Die Plünderung der Nester findet in großen Höhen von Bäumen statt und ist sehr gefährlich. Durch die vielen tödlichen Stürze und Unfälle bei der Jagd liegt die Lebenserwartung bei nur 34 Jahren. Aufgrund dieser niedrigen Lebenserwartung sind Herzinfarkte oder Krebs sehr selten. Die Hadzas sind einer langen Reihe von gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt, wie Infektionskrankheiten, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen und der gefürchteten Malaria. Diese Probleme sind verantwortlich für die sehr hohe Kindersterblichkeit. Auch die Vegetation birgt hohe Verletzungsgefahren durch zahlreiche Dornenpflanzen. Die Hadzas verbringen einen großen Teil ihrer Erholungszeit damit, einander mit den Spitzen ihrer Messer Dornen aus der Haut zu holen. Beim Erbeuten von Bienennestern in großer Höhe erleiden Hadzamänner regelmäßig Knochenbrüche und Stürze, die nicht selten auch tödlich enden. Vor allem ältere Männer mit nachlassenden Körperkräften, die von der genuß- und prestigeträchtigen Honigjagd nicht ablassen wollen, sind dadurch betroffen. Dann gibt es da noch Giftschlangen, wovon die mit Abstand größte des Kontinents, die schwarze Mamba mit einer Länge von 2.50 m bis 4.30 m, die giftigste und gefährlichste ist. Weiters gehen von großen Wirbeltieren Gefahren aus. Als es noch genügend Nashörner und Elefanten gab, zogen sich die Hazdas auf der Flucht vor den angreifenden Tieren in dem unwegsamen Gelände häufig Sturzverletzungen zu. Inzwischen jagen sie Kaffernbüffel, die für gewöhnlich nicht aggressiv sind, wenn sie jedoch von den Jägern verletzt wurden, mit ihren 680 kg sehr energisch angreifen. Weiters gibt es noch den Massai-Löwen und die Tüpfelhyäne, bei deren nicht risikoarmer Jagd schon viele Stammesmitglieder den Tod gefunden haben. Nun haben aus der Not heraus vor allem auch Paviane einen Platz auf dem Speiseplan des Stammes gefunden. Sie werden mit Haut und Haar verzehrt. Das Mikrobiom im Darm der Hadzas gilt als eines der gesündesten der Welt, weshalb sich regelmäßig Forscher aufmachen, um den Kot des Stammes zu sammeln.
Meine bisher romantische, von den Bildern genährte Vorstellung über die Hadzas und ihr Leben ist durch die vorangegangene Lektüre massiv getrübt worden. Von einem friedlichen Dasein in einem paradiesischem Umfeld kann keine Rede sein. Es ist geprägt vom Kampf gegen gierige Eindringlinge und der Jagd auf wilde Tieren, die noch dazu vom Aussterben bedroht sind, verbunden mit schweren Verletzungen und einer sehr hohen Kindersterblichkeit. Die Eingriffe des Menschen in die Umwelt treffen als aller Erstes indigene Völker wie dieses, wir werden wohl noch miterleben wie der letzte echte Jäger und Sammlerstamm der Menschheitsfamilie untergeht.
Früher war es sehr schwer, die Hadzas zu erreichen. Noch in den 2000er Jahren gab es keine Straßen zu ihnen. Das änderte sich schlagartig, als vor knapp 20 Jahren mit dem Bau asphaltierter Straßen im Norden Tansanias, wo die Hadzas leben, begonnen wurde. Wenn man es sich leisten kann, kann man in das entlegenste Buschcamp der Hadzas reisen. Es gibt auch die Sorge, dass die Hadzas sozusagen überforscht sind, die Forschung beschränkt sich auf die immer gleichen 150 Personen. Filmcrews, Regierungsorganisationen und Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten immer mit denselben 150 Hadzas. Wenn betuchte, zivilisationsgeschädigte Fettleibige die Camps der Hadzas stürmen, auf der Suche nach dem heiligen Gral der Ernährung, den man sowieso nicht eins zu eins übertragen kann und die anderen ihre Kameras zücken, auf der Suche nach dem besten Foto, dann werden die Hadzas zu Schaustellern degradiert. So ist der letzte ursprünlich lebende Stamm der Erde nicht mehr als ein Kuriosum in einer von der Natur entarteten Welt geworden.

//Johann

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