Männerarbeit

Als ich mal eine Zeit hatte zu der es mir nicht so gut ging, überlegte ich mir, wie ich mit meinen Leben weitermachen wollte. Eine radikale Änderung musste her, nur welche?

Ich war damals arbeitslos, war aus dem AMS rausgeschmissen worden und konnte nichteinmal Mindestsicherung bekommen, was für mich bedeutete, dass ich kein Geld und keine Versicherung hatte und auch keinen Plan, was ich tun sollte und konnte.

Ich saß also da und überlegte. Dann kam mir die Idee auf den „Arbeiterstrich“ zu gehen. Davon hatte ich mal gehört als ich noch auf der Straße war. Wem der Arbeiterstrich kein Begriff sein sollte: es handelt sich um den berüchtigten Abschnitt am Matzleinsdorferplatz zwischen Obi und Shell-Tankstelle, an dem eigentlich den ganzen Tag über Gruppen von Männern stehen und auf „Arbeitgeber“ warten, die sie zum Pfuschen mitnehmen, damit sie -meist für einen sehr niedrigen, unversteuerten Lohn- auf der Baustelle Knochenarbeit verrichten können.
Also ging ich am nächsten Tag ganz unbedarft dort hin und dachte mir, dass ich jetzt einfach und reibungslos einen neuen Job finden würde.
Doch es kam anders als ich dachte. Die erste Begrüßung war, dass sich die Leute ungläubig um mich gedrängt haben und ich ausgelacht wurde und gefragt wurde, was ich dort überhaupt tue und mir wurde geraten zu verschwinden, sonst würde ich es bereuen. Ich blieb also eine Weile, doch dann wurde es mir doch ein wenig zu unheimlich. Am nächsten Tag war ich leicht desillusiniert und überlegte, was ich tun sollte. Eigentlich wollte ich mich nicht so einfach vertreiben lassen, aber so wie ich begrüßt worden war, fühlte ich mich nicht so wohl beim Gedanken, wieder dorthin zurück zu gehen. Nach ein paar Tagen entschloss ich mich mich dann, nicht klein beizugeben und mich durchzukämpfen.
Also stand ich wieder mal auf dem Arbeiterstrich, natürlich von den Anderen scharf bewacht und beobachtet mit einer Mischung aus Eifersucht und Spott. Es kamen Interessenten vorbei, aber keiner hielt für mich an. Nur die Männer bekamen Jobs. So ging das einige Zeit. Ich blieb stur, war aber auch schon ziemlich ratlos und wollte aufgeben. Dann kam mir die Idee, dass ich meine Dienste kostenlos zur Verfügung stellen konnte, um dann mit der Zeit Kohle damit zu machen. Am „Strich“ riet mir jeder dass ich aufgeben sollte, weil es eh nichts bringt doch das versuchte ich geflissentlich zu überhören.
Also mit einem neuen Konzept im Kopf stellte ich mich wieder auf den „Strich“ und wartete was sich nun ergibt. Siehe da: mein Plan ging auf, als ich ich meine Arbeitskraft gratis zur Verfügung stellte. Mit der Zeit bekam ich auch Aufträge, um auf Baustellen zu arbeiten. Am Arbeiterstrich mit den „Kollegen“ ging es auch bald besser weil sie merkten, dass ich nicht aufgebe, sondern hartnäckig dran geblieben bin. Ich hatte mir einen gewissen Respekt verschafft und einen Platz erkämpft. Vielleicht gerade weil ich eine Frau bin. Leicht war es aber noch immer nicht: die Tatsache, dass ich meine Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung stellte war nicht sehr gern gesehen. Doch das war mir egal, ich wollte ja keine Freundschaften aufbauen, sondern arbeiten.
Das nächste Problem war nun, dass ich mich in der Männerdomäne gegenüber den Kunden durchsetzen musste. Am Anfang war es sehr schwierig, als Frau genügend Aufträge zu bekommen.
Täglich stand ich von da an auf dem Arbeiterstrich, um für den Tag Arbeit zu bekommen. Ich musste die dreckigsten und schwersten Arbeiten machen. Jeden Tag hörte ich mir die üblichen Sprüche an. Ich solle doch zurück an den Herd und ich hätte hier nichts zu suchen. Es war ein Auf und Ab. Täglich die Sprüche anhören zu müssen forderte mir viel Kraft ab, doch Hinschmeißen war für mich keine Option. Also dachte ich mir, dass ich mir eine andere Strategie überlegen musste.
Ich lernte meine -doch erstaunlich große- Klappe aufzumachen und mir nicht alles gefallen zu lassen. Ein einschneidendes Erlebnis hatte ich eines Tages, als wieder mal so derbe Sprüche kamen, dass ich meinem „Kollegen“ einfach nur sagte, er solle doch mal die Klappe halten und ob ihn seine Frau nicht ranlassen würde, weil er so unausgeglichen ist. Damit hatte er nicht gerechnet und war ziemlich schmähstat.
Seit diesem Tag ging es besser, aber ich musste täglich „meine Frau stehen“ und durfte nicht nachlassen. Auch mit den Arbeiten wurde es besser. Ich fing an, auch Arbeiten zu machen, die Spaß machten wie z.B. Malern und Fliesen verlegen. Mit der Zeit merkten auch die Kunden, dass ich gar nicht so ungeschickt war und ich durfte mehr und mehr machen, was total Spaß machte. So machte ich mir einen Ruf unter der Kundschaft als „die Frau“ und es folgten immer mehr Aufträge und ich konnte halbwegs davon leben. Die anderen Arbeiter kommen nicht so gut weg in meinem Artikel, aber ich muss dennoch ein gutes Wort einlegen: sobald man sich bewährt hatte, war es ein super Arbeiten mit ihnen. Sie zeigten mir viel und als ich ihren Respekt hatte, behandelten sie mich wie Ihresgleichen. Auch wenn die Arbeit hart war, passierten allerhand lustige Dinge, an die ich mich gerne erinnere. Einmal arbeiteten wir in einer Wohnung im 6.Stock und mussten die diversen Materialien raufschleppen, besser gesagt: ich schleppte die Sachen rauf und meine Kollegen standen rum und schoben dumme Meldungen. Aber wie gesagt, das Wichtigtste war, mir nichts anmerken zu lassen. Auch diese Aktion trug dazu bei, mir Respekt zu verschaffen und wir konnten vernünftig miteinander arbeiten.
Nach einiger Zeit war es sogar so, dass ich Kundenkontakt hatte und mit den Kunden die Aufträge besprochen habe, was für mich total cool war, weil ich merkte, dass meine Arbeit anerkannt und auch geschätzt wurde.
Teilweise bildeten sich kleine „Kollegien“ und die Leute erarbeiteten sich Spitznamen und einen gewissen Ruf. Wir waren zum Beispiel einmal in einer Wohnung und hatten den Auftrag, diese auszumalen. Mein Kollege wollte die Leiter verschieben und merkte nicht, dass auf dieser ein ganzer Kübel voll Farbe war. Man kann es sich schon denken, was folgte: die Farbe viel von der Leiter und mein Kollege bekam die ganze Farbe ab. Er
stand da wie ein bergossener Pudel, die Farbe lief ihm überall runter und wir konnten uns vor Lachen kaum halten. Er hieß ab diesen Zeitpunkt nur mehr „Schlammmonster“, weil es eine olivgrüne Farbe war.
Den Namen bekam er nie wieder los. Einige kamen so zu ihrem „Strichnamen“. Trotz all den anfänglichen Schwierigkeiten ist mein Fazit von dieser Zeit, dass es eine harte aber eine sehr coole Zeit war, die ich auf garkeinen Fall missen möchte. Wenn mir heute jemand sagt: „Lass mal, das ist Männerarbeit!“, quittiere ich das immer mit einem müden Grinsen.

//Tine

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