Die Meinung der Anderen

„Sorge dich um die Anerkennung Anderer und du wirst immer ihr Gefangener sein“ – Lao Tzu

„Was sollen nur die Anderen denken? Wie peinlich!“.
Diesen Gedanken hatte ich oft, auch schon in meiner Kindheit, dem Teenageralter und als junge Erwachsene. Als ich älter wurde, war dies zum Glück nicht mehr so stark.

In meiner Zeit als Alkoholikerin ist dieses Gedankenmuster wieder aufgeflammt. Am Anfang war mein Konsum ja noch überschaubar, aber relativ schnell kippte dies. Am Anfang trank ich nur Wein, zwei Monate später war ich bei Wodka angekommen, da brauchte ich nicht so oft rauszugehen. Ich konnte aber dieses Konsumverhalten nicht lange aufrecht erhalten und war dann wieder beim Wein. Damit verschärfte sich auch mein immer anstrengender werdendes Versteckspiel, zumindest am Anfang. Zuerst ging ich ja noch in verschiedene Supermärkte, damit ich nicht auffalle, aber später war es mir dann relativ egal. Ich versuchte halt nur meinen Nachschub zu kaufen, wenn bei den Kassierinnen Schichtwechsel war. Jedesmal wenn ich einkaufen oder raus ging, putzte ich mir die Zähne und nahm Mundwasser damit ich, falls ich einen Nachbarn treffen würde, nicht nach Alkohol rieche. Damit es auch bloß kein Gerede gibt.

Schlimm war es auch, wenn ich um 6.00 Uhr in der Früh bei der Tankstelle stand und auf den Einlass wartete, damit ich mich mit einer Flasche Wein versorgen konnte. Zwei Stunden später war ich dann meist wieder dort, da dachte ich mir oft „der Verkäufer denkt sich sicher: Jetzt kommt die Alte schon wieder daher!“. Dort gab es eine Überwachungskamera. Natürlich begann mein Kopf sofort wieder zu arbeiten: „Na super, wenn die sich die Überwachungskamera anschauen, sehen die mich dreimal am Tag, wie ich reinspaziere“.
Ich kaufte nämlich immer nur eine Flasche, weil ich hoffte, dass mir diese eine Flasche reichen würde. Überraschung: dem war nicht so.

Es war mir schon peinlich und ich schämte mich ziemlich, aber am Wochenende war die Tankstelle meine Anlaufstelle, in der Nähe gab es nichts Anderes. Einmal war ich fast so weit, dass ich der Kassiererin mein Problem erzählen wollte, weil ich verzweifelt war, aber ich tat es zum Glück nicht, weil die hätte mir ja eh nicht helfen können.

Ich fühlte mich teilweise als Mensch zweiter Klasse, weil früher mein Credo lautete: „Wenn eine Frau trinkt, ist dies ein absolutes No-Go!“. Zum Glück sind diese Zeiten mehr oder weniger vorüber jetzt. Zurzeit geht es mir wirklich gut, ich hab auch schon mehrere Therapien hinter mir. Ich hoffe sehr, dass das Thema Alkohol endlich der Vergangenheit angehört. Es wird immer wieder Arbeit an mir selbst notwendig sein und es wird eventuell auch einige Korrekturen in meinem Leben erfordern, aber ich bin sehr zuversichtlich, es zu schaffen. Die Therapie hier hat mich jedenfalls ein gutes Stück weiter an mein Ziel gebracht.

//Brigitte

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