Im Zeitalter der Scharlatane

In diesem Artikel möchte ich mich jener Gesellschaftsschicht widmen, die heutzutage nicht den besten Ruf genießt: den Quacksalbern.
Die Quacksalber, die bereits im 14. Jhdt. aktiv waren und bis ins 19. Jhdt. durch die Lande zogen, mögen in vielen Köpfen untrennbar mit dem „dunklen Zeitalter“ verbunden sein. Andere Bezeichnungen waren: Bader, Kurpfuscher, Steinschneider, Chirurg oder Zahnbrecher. Der Quacksalber fiel durch sein lautes Mundwerk auf, wenn er auf den Dorfplätzen seine Show abzog. Er bot sicher auch eine willkommene Abwechslung im harten Alltag der damaligen Zeit. Von seinem lauten Mundwerk soll auch seine Berufsbezeichnung stammen, sagt eine Theorie. Nämlich vom italienischen Wort „ciarlare“, welches Schwätzen bedeutet. Eine andere Möglichkeit ist der mögliche Zusammenhang mit dem Wort „Quecksilber“, da der Quacksalber gegen die Syphilis das giftige Metall Quecksilber anwandte, welches wohldosiert eingenommen, gegen die Krankheit wirkte. Dass die Kur am Ende schlimmer als die Krankheit war, damit nahm man es im Mittelalter bekanntlich nicht so genau. Der Quacksalber war im besten Sinne Reisender Arzt oder Apotheker, im schlechtesten Scharlatan oder Kurpfuscher. Er reiste der Syphilis, die im Endstadium innere Organe befällt, Gehirn- und Rückenmarksentzündungen verursacht und schließlich zum Tod führt, praktisch hinterher. Die Krankheit war 1494 auf einem Schiff im Hafen von Genua aufgetreten und verbreitete sich rasend schnell in Europa. Also genügend Arbeit für den Quacksalber.
Quacksalber ist eigentlich eine Berufsbezeichnung für viele Tätigkeiten und wer glaubt, im Mittelalter gab es keine gesundheitliche Versorgung, irrt. Manche Behandlungen waren sogar auf heutigem Niveau, zumindest wenn man von den Werkzeugen absieht. Auch schon weit davor in der Steinzeit wurden mit spitzen Steinen Operationen am Schädel durchgeführt, zumindest belegen das Funde. Im Mittelalter lebte man mit Parasiten wie Würmern und Läusen, litt an Blasen- oder Nierensteinen, brach sich Knochen, hob sich Brüche, hatte offene Wunden oder war melancholisch. Quacksalber waren aber auch wandernde Apotheker, die bestimmte Mittelchen vertrieben, wie zum Beispiel Theriak, eine in der Antike entwickelte, ursprünglich aus Anis, Fenchel und Kümmel bestehende Arznei. Könige ließen aus Angst vor Giftanschlägen die Rezeptur durch Enten- und Vipernblut, Schlangen- und Krötenfleisch erweitern. Später kam dann auch Opium dazu. Theriak sollte gegen die Syphilis, Pest und Cholera helfen. Die Zusammensetzung wurde immer komplexer und wuchs auf rund 300 Zutaten an. Die Quacksalber erfanden immer absurdere Mischungen und mussten dementsprechend für sich werben. Die Unterhaltung diente nicht nur dem Anlocken der Menschen, das Tamtam lenkte den behandelten Kranken von seinen Schmerzen ab und übertönte dessen Wehgeschrei. Andere Quacksalber, wie ein gewisser Dr. Tufts, gaben sich als selbstlose Menschenkenner aus, erfanden Krankheiten und lieferten gleich das nötige Mittel dazu – eine bewährte Methode, derer sich die Pharmaindustrie noch heute bedient. Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf einen Doktor Eisenbarth lenken. Er soll mit 120 Mann durch die Gegend gezogen sein. Dieser Doktor (geb. 1663, gest. 1727) war kein dahergelaufener Kurpfuscher. Er war ein Handwerkschirurg, der durch seine Heilerfolge als fahrender Wundarzt und besonders als Starstecher großen Ruhm erlangte. Er kümmerte sich um seine Patienten und blieb so lange, bis diese genesen waren, was im Unterschied zu anderen landfahrenden Ärzten keine Selbstverständlichkeit war, denn diese suchten nach der Behandlung in der Regel das Weite, um nicht für eventuelle Fehler verantwortlich gemacht zu werden. Er praktizierte den sogenannten „Starstich“, was eine durchaus heikle Behandlung ist, wird doch mit einer so genannten „Starstichnadel“ in das Auge gestochen und die getrübte Augenlinse auf den Boden des Augapfel gedrückt. Neben dieser Prozedur gab es zur Operation des Grauen Stars auch das Aussaugen der Linse sowie die radikale Linsenextraktion. Den Höhepunkt seines Ruhmes als Chirurg erlebte Eisenbarth im Jahre 1716. Er entfernte einem Leutnant mit Erfolg eine Kugel, die am rechten Auge in den Kopf eingedrungen war und am linken Auge herausgeschnitten werden mußte. Also sicher nichts für schwache Nerven. Zum Dank wurde Eisenbarth Anfang 1717 zum preußischen Hofrat und Hof- Augenarzt ernannt. In manchen Regionen der dritten Welt wird der Starstich in Ermangelung besserer Behandlungsmethoden und medizinischer Versorgung noch heute durchgeführt. Durch die Reform im Medizinstudium, die nun Praxis und Theorie verband und durch die exzellente Ausbildung der Apotheker wurde den Quacksalbern ihr Handlungsspielraum genommen. Hie und da sind sie noch zu finden, wenn man nicht sogar von einer Renaissance reden darf. Vor allem im Onlineversandhandel im Internet finden Wundermittelchen wohl wieder reißenden Absatz.

//Johann

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