Hundertwasser und Schiele ganz unprofessionell: Geschichten aus dem Garten der glücklichen Toten

Am 5. August 2020 besuchte ich die Hundertwasser-Schiele-Ausstellung im Wiener MQ. Die Ausstellung war eine Gegenüberstellung der Werke der beiden Künstler. Ich hatte mir diese Ausstellung ausgesucht einerseits für einen Artikel für die Zeitung, andererseits um meinen Horizont zu erweitern. Vor dem Besuch machte ich mir Sorgen, wie ich den Bericht schreiben, wie ich mich ausdrücken soll. Wenn man den Kulturteil einer Zeitung zu lesen versucht, braucht man oft ein Wörterbuch aufgrund der Fremdwörter und es wird hineininterpretiert, was das Zeug hält. Ich bin kein Kunstprofessor, ich kann nur schreiben: „Das finde ich schön.“ Oder: „Das gefällt mir nicht.“. Also habe ich mich in die Höhle der feingeistigen Wiener gewagt. Und mich erstaunlich gut zurechtgefunden.

Zum besseren Verständnis habe ich mir das Buch zur Ausstellung gekauft für satte dreißig Euro, das Buch ist den Preis aber auf jeden Fall wert und ich habe ein paar Informationen aus dem Internet, daraus hoffe ich, einen Artikel mit meinen eigenen Eindrücken und Worten zu schreiben, ohne dass es abgeschrieben wirkt. Ich habe mich dann doch in die Bilder verguckt, aber das habe ich mehr dem Buch zu verdanken. In der Ausstellung war ich irgendwie sehr gestresst.

Egon Schiele wurde am 12. Juni 1890 in Tulln geboren. 1906 nahm er das Malereistudium an der Wiener Akademie auf.

1907 kam er in Kontakt mit dem 28 Jahre älteren Gustav Klimt und festigte 1910 seinen Ruf als „begabter Paladin“ (mächtiger Gefolgsmann) von Gustav Klimt. Kurz bevor er zum Kriegsdienst eingezogen wurde, heiratete er 1915 die aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Edith Harms. Das Jahr 1918 brachte schließlich den großen Durchbruch. Beflügelt durch den enormen Verkaufserfolg auf der XLIX. Ausstellung der Wiener Secession 1918 gründete er die Neue Seccession Wien. Doch nur wenige Wochen später machte die Spanische Grippe alle Pläne zunichte. Drei Tage nach seiner Ehefrau starb Egon Schiele am 31. Oktober 1918.

Friedensreich Hundertwasser wurde am 15. Dezember 1928 in Wien als Friedrich Stowasser geboren. Bereits 1934 schuf er erste Jugendzeichnungen und 1936 wurde ihm von der Montessorischule ein „außergewöhnlicher Farben- und Formensinn“ attestiert. 1943 wurden unter der Naziherrschaft 69 Familienangehörige deportiert und ermordet.

Im Frühjahr und Herbst 1948 entdeckte Hundertwasser in der gerade wiedereröffneten Albertina Werke von Egon Schiele. Tief beeindruckt von Egon Schiele und der Wiener Moderne studierte er 1948 drei Monate an der Akademie der bildenden Künste. 1949 bereiste Hundertwasser Italien, wo er den Künstler Rene Bro traf, der ihn nach Paris einlud und fand 1953 in der Spirale eines der zentralen Motive seiner Malerei, 1957 erwarb er den Bauernhof „La Picaudiere“ in der Normandie. 1961 hielt sich Hundertwasser in Japan auf und vertrat Österreich 1962 auf der XXXI. Biennale von Venedig. Wichtige Ausstellungen waren die Retrospektive (Rückschau) in der Kestner-Gesellschaft, Hannover, mit weiteren Stationen in Stockholm und Amsterdam, seine Teilnahme an der documenta III in Kassel 1964 und die Museumswanderausstellung in den USA 1968/69. Um den Zwängen zu entfliehen, baute er sich ein altes Holzschiff zu Regentag um und segelte damit bis nach Neuseeland.. In den Folgejahren stellte Friedensreich Hundertwasser international aus, realisierte Architekturprojekte in aller Welt und engagierte sich mit zahlreichen Interventionen für ökologische und gesellschaftspolitische Belange. Der österreichische Künstler starb am 19. Februar 2000 an Herzversagen an Bord der Queen Elisabeth II. Sein Grab liegt unter einem Tulpenbaum in Neuseeland, wo er auf eigenem Land den Garten der glücklichen Toten angelegt hatte.

Die Ausstellung „Imagine Tomorrow“ ist eine Gegenüberstellung der Bilder der Künstler, die aus 170 Exponaten aus österreichischen und internationalen Sammlungen besteht, es geht um die Bewunderung Hundertwassers für Egon Schiele. In der Ausstellung gelang es mir nicht, mich auf die Bilder einzulassen. Erst zuhause, als ich das 270 Seiten starke, großformatige Buch zur Ausstellung zur Hand nahm und mir die Bilder in Ruhe ansah, begannen sie auf mich zu wirken. Zwischen den wirklich wunderschönen, ausdrucksstarken Bildern der beiden Künstler finden sich zahlreiche Briefe, Dokumente und Texte wie dieser: „Warum man die Kinder nicht malen lässt am Trottoir ihre Figuren und an den Wänden und Mauern der Straßen ihre Linien zeichnen? Ich schwöre, lasst sie zeichnen ihre Linien echten dicken Goldes. Nichts kann euch retten, nicht Christentum nicht Kommunismus nicht Bürgerlichkeit; lasst die Kinder sprechen und die Maler und Architekten.“

Bei vielen Bildern würde man, wenn man es nicht weiß, einen Schiele für einen Hundertwasser halten und umgekehrt. Beide malten farbenfrohe, harmonische Landschaften, Dörfer, Menschen. Beide Künstler waren unglaublich vielfältig, Schiele hatte durch seinen frühen Tod nicht die Möglichkeit sich voll zu entfalten. Doch die vorhandenen Werke lassen erahnen, was er noch alles erschaffen hätte können.

1979 meinte Hundertwasser im österreichischen Rundfunk: „Schiele ist die Hauptfigur meiner Bestrebungen. Schiele ist eigentlich der Maler, der mich sehr stark bewegt hat, dem ich alles verdanke. Zwar male ich ihn nicht ab, ich male nicht in seinem Stil, aber dieses gewisse Etwas, die Stimmung, die Atmosphäre, die Farben, diese gewisse Traurigkeit, dieses gewisse Regnerische und das Trübe, das das wahre Glück ausmacht, das ist in Schiele zu finden.“ Diese gewisse Traurigkeit, dieses gewisse Regnerische und das Trübe, das sind Zustände, die auch ich liebe. Mir ist der trübe Herbst lieber als der grelle Sommer, der alles ausleuchtet und keinen Platz lässt für dunkle Ecken und Verborgenes und Geheimnisvolles, ich liebe den Duft von dem modernden Laub und den dichten Nebel, der die Phantasie anregt, wo man glaubt, Schatten huschen durch die Straßen und das durch den Nebel gedämpfte Licht. Heute ist die Nacht zum Tag geworden, es erleuchten Straßenbeleuchtungen und Reklametafeln jeden Winkel einer Stadt. Doch vor noch nicht all zu langer Zeit, als das Tageslicht das Leben bestimmte und die Menschen, berauscht durch magische Pilze, bei dichtem Nebel im Wald in einem Baumstumpf einen Gnom, einen Zwerg zu erblicken glaubten, wo Hexen und Fabeltiere den Wald bevölkerten und die Menschen sich Sagen und Märchen erzählten, da war das Leben noch magisch und geheimnisvoll. Heute ist kein Platz mehr für solchen Mumpitz, alles ist nüchtern, rational und berechenbar geworden und das schmerzt.

Einige von Schieles Bilder wirken auf mich schwermütig und leicht bedrohlich, wie Selbstseher (Tod und Mann) von 1911, Trauernde Frau von 1912, Tote Mutter von 1910 oder Die Entschwebung (Die Blinden) von 1915.

Besonders gut gefallen mir die Bilder von Städten und Dörfern, die meisten sind Öl-, Bleistift oder Kreidezeichnungen. Wie bei all seinen Stadt- und Dorfbildern ist keine Linie mit dem Lineal gezogen, kein rechter Winkel prägt die Form, die Kunstwerke wirken melancholisch-harmonisch, sie strahlen eine wohltuende Ruhe aus, mit vielen liebevollen Details.

Ganz anders seine Selbstporträts; mit zur Seite geneigtem Kopf und gespreizten Fingern, manche wirken verkrampft, schmerzhaft, mit unnatürlich langen Fingern, der finstere Blick wie in Selbstbildnis mit gesenktem Kopf.

Um zum Ende meiner laienhaften Betrachtungen zu kommen: Eine sehenswerte Ausstellung, mit eindrucksvollen Bildern, interessanten Gegenüberstellungen und vielen Informationen über die beiden Künstler. Die Ausstellung kann mit dem Kulturpass besucht werden.

//Johann

Ein Kommentar zu “Hundertwasser und Schiele ganz unprofessionell: Geschichten aus dem Garten der glücklichen Toten

  1. Ich findenden diesen Artikel sehr gelungen. Vieles, vor allem von Hundertwasser wusste ich nicht. Und der Vergleich am Ende gefällt mir auch. Habe Lust bekommen diese Ausstellung zu besuchen.

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