Papawochen. Eine Coronageschichte.

Eines Tages lief einem Bauern das einzige Pferd fort und kam nicht mehr zurück. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: „Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen – welch ein Unglück!“

Der Landmann antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist?“ –

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und brachte ein Wildpferd mit.

Jetzt sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das Pferd weg – dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“

Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?“ Das Wildpferd wurde vom ältesten Sohn des Bauern eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: „Welch ein Unglück!“

Aber der Landmann gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs und zogen alle jungen Männer des Dorfes für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein.

Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“

//Chiristian Morgenstern

Der Himmel ist grau wie eine alte Münze, im Osten blutet schon der neue Tag in Neonfarben vom untersten Rand des Horizonts in die Welt, Langsam arbeitet sich der brennende Ball der schon recht starken Aprilsonne in der Morgendämmerung hinauf. Der erste Wind des Tages lässt eine Gänsehaut über den Teich wandern. Es ist fünf Uhr und die Angeln stecken schon in ihren Halterungen am Ufer geduldig wartend auf die ersten Bisse der fetten Forellen im kleinen Fischteich, an dem ich jetzt immer morgens sitze. Neben mir sitzt mein Bub. Er wird Ende dieses Monats zehn und fischen gehen mit mir ist für ihn das Größte.

Nur wenige Wochen vor diesem Apriltag mit meinem Sohn am See war meine Morgenroutine eine ganz Andere. An erster Stelle stand mein Frühstücksschuss, den ich mir direkt nach dem Aufwachen immer gesetzt habe. Am wohlsten hab ich mich gefühlt, wenn ich um fünf Uhr aufgewacht bin, mir meinen Schuss gesetzt hab und dann wieder eingeschlafen bin. Meinen Sohn hatte ich wohl Anfang April schon gute zwei Monate nicht mehr gesehen. Er hat sich von sich aus irgendwann einfach nicht mehr melden wollen, weil er Angst hatte vor dem was aus mir geworden war. „Papa, bitte geh nicht ins Gefängnis und nimm deine Medikamente normal“ so ein Satz von meinem neunjährigen Jungen hatte nicht gereicht, mein Leben umzudrehen. Dafür hat es mehr gebraucht: den Coronavirus. Es fing alles mit meinem Ausgang Anfang April an, der am Ende fast zwei Monate dauern sollte. Ich war hier im Schweizer Haus schon erweitert stationärer Patient in der sogenannten „Villa“. Als erweitert stationärer darf man jedes Wochenende nachhause fahren. Zuhause ist für mich ein kleiner Ort in Tirol. Als ich am späten Freitagabend im Haus von meiner Mutter ankam, war Corona schon überall in den Nachrichten, aber ich hatte andere Sorgen. Meine Mutter war sehr beunruhigt und hat mir schon am Freitagabend prophezeit, dass ich wohl Sonntag nicht mehr nach Wien fahren würde. Ich hab nur gelacht über diesen Blödsinn und das erste mal seit Langem wieder ein Wochenende ohne Drogen mit meinem Jungen verbracht. Sonntag Vormittag kam dann der Anruf. Das Schweizer Haus bat mich, nicht zurück nach Wien zu fahren und mich um meine Substitution für die nächsten Tage zu kümmern. Sonntag Mittag ging es dann Schlag auf Schlag: Landeshauptmann Blatter verkündete den Lockdown. Aus meiner Unbeschwertheit wurde mit einem Schlag Angst und Unsicherheit. Meine Hauptsorge war es, nicht schnell genug medikamentös versorgt zu werden. Albtraumvisionen von einem kalten Entzug im Haus meiner Mutter vor den Augen von meinem Sohn geisterten in meinem Kopf herum. Tatsächlich war es ein kleinerer Staatsakt an meine Medikamente zu kommen, aber eine Woche später hatte ich zum Glück alles geregelt. Ich bin froh, dass ich diesen Psychoterror um meine Substitution durchgestanden habe, vielleicht wird es mir jetzt auch in Zukunft leichter fallen meine Formalien zu regeln. So verging die erste Woche und langsam stellte sich die Frage, wie wir jetzt unsere Zeit verbringen sollten, nachdem alle Attraktionen staatlich verboten waren. Da fiel mir mein alter Fischteich ein, an dem ich in meiner Kindheit und Jugend immer gerne Zeit verbracht hatte. Mit der Sucht war er für mich -wie fast alles andere auch- in Vergessenheit geraten. Also packte ich meine alte Fischerausrüstung aus dem Keller zusammen und fuhr mit meinem Sohn zum Teich. Ich hatte ganz vergessen, wie sich Entspannung ohne Drogen anfühlt und wie ein Sonnenaufgang aussieht, wenn man wirklich hinschaut. Ich hatte vergessen wie schön die Natur ist und wie viel Spaß angeln macht. Das Angeln war bald ein tägliches Ritual von mir und meinem Sohn geworden. Mein Sohn, der zu Schulzeiten kaum aus dem Bett zu bekommen war, stand jetzt Morgens um halb fünf vor meinem Schlafzimmer und forderte mich mit leuchtenden Augen auf, die Ruten ins Auto zu packen. Wir haben viel gelernt voneinander in diesen Wochen am Teich. Jetzt passt zwischen uns kein Blatt mehr. Ich habe realisiert, dass ich meinem Sohn nie die Zeit gegeben habe, mir seine Welt zu erklären. Er liebt mich wirklich sehr, das hatte ich davor gar nicht so wirklich realisiert. Aber es ist die beste Erkenntnis meines Lebens und sie hilft mir jeden Tag dabei, nicht ins Gefängnis zu gehen und meine Medikamente richtig zu nehmen. Ich denke heute, dass ich verlernt hatte, richtig zuzuhören und auf andere Menschen einzugehen. Meine Beziehungen haben jetzt eine Tiefe, die sie davor nie hatten. Im Mai konnte ich dann wieder ausreisen um meine Therapie fortzusetzen. Ende September kann ich dann wieder nach Tirol zurück und mit meinem Sohn angeln gehen. Ich freue mich darauf ihm der Vater zu sein, zu dem mich unsere gemeinsamen Wochen am Teich gemacht haben.

//Daniel

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