Sucht, Vergebung und „Die beste aller Welten“: Regisseur Adrian Goiginger im Gespräch

Lars von Trier hat einmal gesagt „Ein guter Film muss wehtun wie ein Stein im Schuh“. Würdest du das unterschreiben?

Muss nicht. Lars von Trier ist da sehr extrem. Ich mag seine Filme ja sehr. Aber es war jetzt nicht mein Ziel, mit dem Film „wehzutun“. Ich wollte einfach versuchen, ein möglichst realistisches Bild von den Menschen und dem Milieu wie ich es als siebenjähriger erlebt hab zu zeichnen. Das tut sicher manchmal weh diese Welt so zu zeigen wie sie wirklich war. Aber das war nicht meine Intention, die Leute zu schocken. Im Gegenteil: ich wollte zeigen, dass die meisten Leute mit denen ich da gelebt hab eigentlich total nette Menschen waren.

Würdest du sagen, „Die beste aller Welten“ musste sozusagen „raus“? Also, war das für dich so was wie ein Verarbeitungsprozess, den Film zu machen? Wie hat sich das angefühlt, als du ihn das erste Mal ganz gesehen hattest?

Also ein Verarbeitungsprozess war es jetzt nicht im Sinne davon, dass ich mich hätte selbst behandeln müssen. Der Auslöser war ja der Tod meiner Mutter, die 2012 gestorben ist, als ich 21 war. Da hab ich damit begonnen über meine Kindheit und alles was so passiert ist nachzudenken. Mir ist bewusst geworden, was für eine unfassbare Leistung das von meiner Mutter war, mir trotz ihrer schweren Heroinsucht so eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Die Kraft die meine Mutter hatte und was sie da geleistet hat, das wollte ich mit der Welt teilen. Es war mir auch wichtig, den sozial schwachen Leuten unter denen ich ja auch lange gelebt hab eine Stimme zu geben. Zu oft werden solche Menschen von oben herab betrachtet oder übersehen, das stört mich. Ohne Vorurteile die Geschichte dieser Menschen liebevoll zu erzählen – das war mir ein Anliegen.

Das erste Mal den eigenen Film sehen ist dann leider doch sehr unspannend und unromantisch. Das ist dann total rein technisch. Ich hab beim ersten Mal schauen jeden Fehler von mir gesehen. Wobei es ja ein „erstes Mal schauen“ als Regisseur sowieso nicht gibt, weil man bei jedem Schritt dabei ist: beim Grading, bei den Effekten, beim Sounddesign usw.. Du kennst deinen Film dann schon in- und auswendig bevor er überhaupt fertig ist, ich kann dann die Premiere überhaupt nicht mehr genießen, weil ich nur die Fehler sehe.

Wie sieht eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag als Regisseur aus?

Den ganz normalen Arbeitstag gibt es nicht. Jeder Tag ist anders. Zur Zeit mit Corona schreibe ich viel an Drehbüchern oder Konzepten und telefoniere relativ viel. Wenn ein Projekt vorbereitet wird trifft man sich mit dem Kameramann, dem Produzenten und den Schauspielern und plant das alles.

Dann kommt die Arbeit am Set selber, wo man die Szenen beaufsichtigt. Dann wird geschnitten und das Sounddesign gemacht, was wieder viel Computerarbeit bedeutet. Ich würde sagen, neunzig Prozent seiner Arbeit verbringt man im Sitzen, die restliche Zeit steht man am Set.

Wenn du über deine Kindheit und die besonderen Umstände die du erlebt hast nachdenkst: würdest du sagen, du bist durch all das was du durchgemacht hast in manchen Situationen gefasster/stärker als Menschen, die eine „ordentliche“ Kindheit hatten?

Ich sag mal so: ich hab sicherlich durch meine Kindheit und dadurch, dass ich in so jungen Jahren so viel erlebt hab einen gewissen Reifungsprozess durchgemacht, der sonst erst später gekommen wäre. Ich war als Junge sicher um zehn Jahre reifer als andere Leute in meinem Alter, was jetzt sicher nicht nur Vorteile hat. Sicher war das nützlich in Sachen Selbstverantwortung in der Schule etc., aber ich war halt relativ früh schon nicht mehr so „kindlich naiv“ was eigentlich was Schönes ist. Das habe ich relativ früh schon nicht mehr gehabt. Ich hab auch sehr früh schon realisiert, dass ich auf mich allein gestellt bin. Das war sehr hilfreich was Dinge wie Karriere und materielle Sachen betrifft. Ich habe ja quasi in so einer Hippie-Kommune gelebt. Alle waren arm, niemand hat irgendwas besessen. Mir war früh schon klar, dass ich, wenn ich beruflich was erreichen will, mich selber hundertprozentig reinknien muss. Das ist eigentlich eine gute Sache. Ich hab mir alles selbst erarbeitet, niemand mischt sich in meine Dinge ein.

Würdest du sagen, dass man mutig sein lernen kann? Wenn ja, wie?

Naja, man kann sich überwinden mutig zu sein, wenn man das so sagen will. Ich war lustigerweise relativ lang gschamig, bestimmt bis ich sechzehn, siebzehn war. Ich hab mich nie getraut irgendwo anzurufen, wenn ich jemanden nicht gekannt hab oder war bei Referaten immer nervös. Ich hab mich dann durchs Filme machen überwunden, weil ich wusste dass ich nur Regisseur werden kann wenn ich nicht gschamig bin. Ich hab mir das dann quasi aberzogen, indem ich mich überwunden hab, irgendwo anzurufen oder Reden zu halten. Ob das Mut ist, kann ich aber nicht sagen.

„Kinder lieben anfangs ihre Eltern. Wenn sie älter werden, beurteilen sie sie. Bisweilen verzeihen sie ihnen“, das hat zumindest Oscar Wilde gesagt. Gibt es Dinge, die du deiner Mutter trotz deiner Liebe zu ihr nie verzeihen konntest? Wie schließt man Frieden mit seiner Vergangenheit?

Ich bin Christ, da ist Verzeihen und Vergebung ja sowieso ein ganz fundamentaler Bestandteil. Jesus vergibt und wir Menschen sollten auch vergeben. Wenn ich jetzt aber an meine Mutter denke, hätte ich gar nichts was zu vergeben gewesen wäre. Ich denke, sie hat es sich in einer gewissen Weise nicht ausgesucht, Drogen zu nehmen. Sie hat damit angefangen, weil sie eine total schwere Depression gehabt hat und das war für sie der einzige Weg da raus. Sie hat mit fünfzehn oder sechzehn mit den Drogen angefangen und das war für sie der einzige Ausweg, eine Art Selbstbehandlung mit Drogen. Weshalb soll ich ihr deswegen böse sein? Sie hat eh alles getan, was in ihrer Kraft stand. Selbst den Leuten, die nicht alles getan haben wie meinem Stiefvater oder so bin ich nicht böse. Man soll zuerst vor seiner eigenen Tür kehren, jeder Mensch macht Fehler, meine Eltern haben es sogar selbst zugegeben aber ich habe ihnen nie irgendetwas übel genommen oder habe „Frieden schließen“ müssen mit meiner Vergangenheit. Natürlich war das super, aus dem Viertel wegzuziehen oder als meine Eltern clean wurden, aber ich habe von ihnen immer Liebe und Geborgenheit bekommen.

Wenn man als kleines Kind schon die Drogenszene um sich herum als normal miterlebt, ist man womöglich noch gefährdeter, als Erwachsener selbst dort zu landen. Warum denkst du ist genau das dir nicht passiert? Was ist es, dass dich davor bewahrt hat, auch diesen Weg zu gehen?

Zum Einen war es sicher ein Faktor, dass meine Eltern clean wurden als ich acht war. Wir sind dann auch aus dem Viertel weggezogen, wo es wirklich drunter und drüber ging. Ich hab einfach das Glück gehabt, dass mir nie was gefehlt hat. Ich bin immer geliebt worden und wollte eigentlich schon mit elf Jahren Karriere als Regisseur machen. Ich bin nie wirklich in Versuchung gekommen Drogen zu nehmen. Aber sicher – wären meine Eltern nicht clean geworden und aus dem Viertel weggezogen wäre ich durch den ganzen Umgang mit den Leuten dort sicher gefährdet gewesen. Das ist ein bisschen ein Teufelskreis. Ich kenne selber viele Leute, die auf Drogen hängen geblieben sind oder nie davon weggekommen sind.

In deinem Film zeigst du die kindliche Phantasie als eine Art Schutzraum vor einer bedrohlichen Realität. Wir alle müssen mit viel Angst, Verzweiflung und Depression zurechtkommen. Wie schaffst du es, auch unter schwierigen Umständen kreativ zu bleiben? Woher kommen deine Ideen?

Das kann ich ehrlich gesagt gar nicht so beantworten. Ich habe gerade zwei kleine Kinder. Die sind definitiv die größte Herausforderung um kreativ zu bleiben oder einen Schutzraum zu haben, wobei das natürlich mit sehr viel Freude und Liebe verbunden ist.

Die Ideen – tja, ich kann nur sagen dass ich mich jetzt nicht hinsetze mit dem Ziel mir eine Idee für einen Film kommen zu lassen. Ich halte die Augen in der Welt offen, lese Bücher, schaue andere Filme, rede mit Leuten und irgendwann kommen Dinge zu mir, wo ich mir denke „wow, das ist spannend“. Dann frage ich mich, ob das so schon erzählt worden ist – wenn nicht, dann ist das schon mal ein guter Anfang, um daraus einen Film zu machen.

Du bist ja in Salzburg aufgewachsen und zeigst in deinem Film auch die Szene, die es damals dort gab. Es ist ja generell eine interessante Beobachtung, dass es in Österreich gerade auch in den kleinen, beschaulichen Städten mehr Leute gibt die „tief drinnen stecken“ als man vielleicht glauben würde. Woran könnte das liegen? Wie befreit man sich psychisch von der Enge des Dorflebens?

Also Erstmal: Salzburg ist kein Dorf. Wir haben 150.000 Einwohner und auch wenn die Wiener gerne so tun, als gäbe es in Österreich nur eine Stadt und der Rest ist eine Ansammlung von ein paar Bauern und Kühen: es ist nicht so. Natürlich gibt es überall süchtige Leute, auch in den wirklich ländlichen Regionen wie im Pinzgau, da sind gerade Dinge wie Chrystal Meth ein großes Problem. Aber warum Salzburg ein Hotspot ist? Vielleicht liegt es auch an geografischen Faktoren. Salzburg grenzt an Deutschland, Frankfurt und Wien sind nicht so weit weg und es gibt auch eine Grenze zur Schweiz. Es liegt so ein bisschen mittendrin, kann gut sein dass viel durch Salzburg durch kommt und es deswegen eine größere Szene gibt, ähnlich wie in Vorarlberg, das auch eine größere Szene bedingt durch die Nähe zur Schweiz hat. Im Endeffekt würde ich das Ganze aber nicht so sehr an einem Ort festmachen. Wenn wir jetzt aber vom wirklichen Dorfleben in einem kleinen Ort reden mit ein paar hundert Einwohnern – da werden wirklich wenig Drogen genommen. Ich kenn das so, dass die sechzehnjährigen da halt schon eine Kiste Bier am Tag saufen – meiner Erfahrung nach.

Du arbeitest gerade an einem Film über das Leben deines Großvaters, die Schauspieler müssen extra einen alten Salzburger Dialekt lernen. Siehst du dich auch ein bisschen als einen „Kulturschützer“?

Das Wort habe ich so noch nie gehört. Mir ist einfach Authentizität wahnsinnig wichtig. Ich schau Filme weil ich authentische Geschichten sehen will. Ich will nichts Nachgestelltes. Ich schaue einen historischen Film, weil ich das so sehen will, wie es wirklich war. Früher in der Zeit von meinem Urgroßvater – wir reden über die zwanziger oder dreißiger Jahre – da haben sie halt einfach einen Bauerndialekt geredet. Den gibt es jetzt nicht mehr in der Form oder sehr selten, was an sich auch ganz normal ist, weil Sprache sich verändert. Deswegen will ich das wiederbeleben. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Kultur schützen will. Zu einem authentischen Film gehört für mich eben auch authentische Sprache.

Was macht Heimat für dich aus? Wie viel Deix und wie viel Fendrich findest du in deinen Filmen wieder?

Ich mach mir gar nicht so viele Gedanken über Heimatkultur. Ich bin ein Salzburger und ein Österreicher, was gewisse Eigenheiten mit sich bringt. Ich will einfach möglichst authentische Geschichten erzählen und wenn das heißt, dass es patriotische oder auch „anti-patriotische“ Figuren gibt, dann ist das eben so. Man kann ja auch von einer subjektiven Heimat erzählen. Bei „Die beste aller Welten“ war für mich zum Beispiel immer klar, dass ich den Film in Salzburg drehen will, weil er ja auch wirklich in Salzburg spielt. Wir hätten wahrscheinlich mehr Förderungen bekommen, wenn der Film in Wien gespielt hätte, aber das wollte ich einfach nicht. Ich wollte von meinem Salzburg erzählen mit all seinen schlechten Siedlungen und schmutzigen Ecken ohne dieses Schicki-micki Flair, dass man von den Postkarten kennt. Insofern zeige ich vielleicht eine Anti-Heimat oder wie man das nennen will. Ich mache mir da keine Gedanken, das können die Experten gerne in meine Filme reininterpretieren.

Gibt es ein großes Projekt, dass du unbedingt noch umsetzen willst?

Da gibt es ganz viele große Projekte. Das Größte wäre so ein epischer, mehrere Millionen teurer, dreistündiger Film über Hannibal, den karthagischen Feldherrn der mit den Elefanten über die Alpen gegangen ist und die Römer besiegt hat. Das kann ich vielleicht in dreißig Jahren mal angehen. Mal sehen.

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