So oder so ähnlich: eine Geschichte vom Spiegelgrund

Maria Grassl war es nach mehreren Versuchen gelungen, einen Termin bei der Jugendwohlfahrt zu bekommen. Ihr fünfzehnjähriger Sohn Manfred war vor einigen Tagen von zwei Beamten der Fürsorge abgeholt worden. Sie protestierte, sie stellte sich gegen die Beamten – doch es half nichts: sie bekam keine Auskunft, warum und wohin ihr Sohn gebracht wurde. Es wurde ihr gerade noch gestattet, das sie ihrem Sohn ein paar Kleidungsstücke in einen Koffer packen konnte. Es wurde ihr auch nicht gesagt, warum und wohin Ihr Sohn gebracht wurde. Verzweifelt versuchte sie, etwas über den Verbleib ihres Sohnes in Erfahrung zu bringen und landete bei der Wohlfahrt. Die Beamtin beförderte eine Akte zu Tage, blätterte darin herum, legte ihre Brille ab, kniff die Augen zusammen und sagte: “Ihr Sohn wurde dabei beobachtet, wie er einem feindlichen Flieger zuwinkte. Das ist Kollaboration mit dem Feind. Zur Disziplinierung wurde er auf den Spiegelgrund gebracht. Die Dauer des Aufenthaltes richtet sich nach dem Erfolg der Disziplinierungsmaßnahmen. Besuche sind nicht gestattet. Sie bekommen auch keinen Termin mehr bei uns. Falls er entlassen wird, werden Sie benachrichtigt. Das wäre alles“. Sie stand auf, hob zackig den Rechten Arm und sagte: „Heil Hitler“. Frau Grassl stand benommen auf, murmelte ein „Heil Hitler“ und schloss leise die Tür hinter sich. Auf der Straße wurde ihr übel. Vor einigen Tagen hatten englische Flugzeuge Flugblätter abgeworfen, auf denen über die Zustände am Spiegelgrund berichtet wurde. Mit Mühe schaffte sie es nach Hause, setzt sich an den Küchentisch und begann hemmungslos zu weinen.

Nachdem die Beamten Manfred abgeführt hatten, öffneten sie die hintere Tür eines grauen Kastenwagens ohne Aufschrift mit vergitterten Fenstern, stießen ihn grob hinein und gingen sich lachend unterhaltend nach vorn und der Wagen setzte sich in Bewegung. Im Halbdunkel konnte er hölzerne Sitzbänke zu beiden Seiten erkennen. Es roch nach Schweiß, Exkrementen und ungewaschenen Menschen. Am Boden war eine riesige Pfütze geronnenen Blutes.

Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, mit Mühe schaffte er es sich nicht zu entleeren, Angst schnürte ihm die Kehle zu. Nach einer holprigen Fahrt hielten sie schließlich an. Die Tür öffnete sich.“Ausse mit dir, du Pülcher!“ schrie einer der Beamten ins Wageninnere. Er stieg aus, bekam einen Faustschlag ins Genick und stolperte in Richtung eines Pavillons, der die Nummer 17 trug. Ein Beamter hatte in am Kragen gepackt und bugsierte ihn unsanft zu dem Pavillon. Am Tor läutete er an der Klingel und Manfred hörte, wie sich der Schlüssel mehrmals drehte und ein Riegel beiseite geschoben wurde. Die Tür öffnete sich. Alles war sauber und Krankenschwestern liefen in ihrer weißen Kluft herum. „Das ist vielleicht doch nicht so schlimm“, dachte er bei sich. Einer der Beamten gab der Oberin, die hinter einem Schreibtisch saß, seine Akte. Sie las sie kurz durch und musterte Manfred, dann rief sie einer Schwester zu: “Bringen sie ihn in den Schlafsaal, geben ihm die Anstaltskleidung und erklären Sie ihm die Regeln“. Er folgte der Schwester in den Schlafsaal, der verschlossen war. Es waren etwa dreißig Betten darin, die meisten belegt. Viele der Kinder sahen krank aus. Fast alle waren hohlwangig, manche drehten sich unentwegt von einer Seite auf die andere und stöhnten, andere starrten regungslos an die Decke. Manfred stockte der Atem. Die Schwester blieb vor einem leeren Bett stehen.“Ich will von dir keinen Mucks hören. Wenn du Mist baust, kannst dir dein Essen an die Wand malen. Deine Flausen werden wir dir schon noch austreiben, so einem Gfrast wie dir.“ Wortlos zog er die Anstaltskleidung an, sein Gewand legte er auf den Nachttisch. Die Schwester nahm die Kleidung an sich. „Die nehm´ ich mit, wirst sie eh nimmer brauchen“, sagte sie mit einem höhnischen Lächeln. Sie verschwand und er legte sich ins Bett, dachte an seine Mutter und Tränen stiegen ihm in die Augen.

Am nächsten Morgen stand er mit den anderen Kindern bei der Essensausgabe. Es war totenstill im Saal. Jeder bekam einen Schöpfer Haferschleim. Während er mit dem Teller in den Händen zu einem der Tische ging und darüber nachdachte, wie man davon satt werden soll, übersah er seinen Vordermann, der stehengeblieben war und stieß gegen ihn, sein Teller fiel zu Boden. Die Kinder erstarrten. Ein wutentbrannter Pfleger, der ein Bär von einem Mann war, stürmte mit hochrotem Kopf auf ihn zu und Manfred bekam die heftigsten Ohrfeigen seines Lebens. Blut schoss aus seiner Nase und er stürzte zu Boden. Der Pfleger riss ihn so heftig am Arm hoch, das die Gelenke krachten.“Wir werden dir schon zeigen, was passiert, wenn man so mit dem Essen umgeht!“ Er schleifte ihn am Arm durch einen Gang, an dessen Ende zwei Zellen waren, öffnete eine und warf ihn hinein. Manfred, durch den Schmerz benommen, konnte erst nach Minuten erkennen, wo er war. Eine Zelle mit verdreckten Fliesen bis zur Decke, in einer Ecke ein Eimer, voll mit Exkrementen. Der Arm schmerzte fürchterlich. Irgendwann fiel er in einen gnädigen Schlaf. Als er erwachte, hatte der Schmerz nachgelassen, doch tiefe Trostlosigkeit erfüllte ihn. Er dachte daran, wie er dem Flieger zugewunken hatte und dass er Schuld hatte am Leid seiner Mutter. In der Zelle war kein Tageslicht und er hatte keine Ahnung ob es Tag war oder Nacht. Irgendwann bewegte sich die Luke am Guckloch und er dachte, dass man ihm etwas zu Essen bringen würde, doch niemand kam. Trotz seiner Situation hatte er Hunger und Durst aber er traute sich nicht, sich bemerkbar zu machen. Wieder schlief er ein. Er erwachte, weil sein ausgetrockneter Mund das Schlucken unmöglich machte. Wieder bewegte sich die Luke, doch er war zu schwach, um darauf zu reagieren. Er begann zu halluzinieren, sah sich auf einer Wiese auf seine Mutter zulaufen und dem blütenweißen Flugzeug zuwinken, das über ihnen durch den Himmel glitt wie eine weiße Taube und es wurde ihm ganz warm.

Draußen vor der Zellentür standen zwei Pfleger, einer blickte durchs Guckloch.“Glaubst, er is´ hin?“ fragte einer den anderen. „Waß i net, er rührt sich nimmer. Wart ma noch an Tag!“. Am nächsten Morgen öffneten sie die Zelle, einer der Pfleger stieß mit dem Fuß gegen den Körper. „Der is´ hinüber, bring ma`n auf die Pathologische. Der Chef wird si gfrein“.

Wochen später erhielt Frau Grassl einen Brief vom Spiegelgrund. Sie öffnete in mit einer dunklen Vorahnung. In kalter Maschinenschrift las sie:

Sehr geehrte Frau Grassl,

zu meinem Bedauern muß ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass Ihr Sohn am 22.1.1943 an einer Lungenentzündung plötzlich verstorben ist. Die Leiche wurde eingeäschert. Über die Kosten der Einäscherung, die Sie zu tragen haben, werden Sie brieflich informiert.

I.A. Dr. E. Illig, Obermedizinalrat

//Info: Der Spiegelgrund

Am Spiegelgrund auf der Baumgartner Höhe befand sich von 1940-1945 die Jugendfürsorgeanstalt „Am Steinhof“, zu der auch eine sogenannte Kinderfachabteilung gehörte, in welcher mindestens 789 kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt waren, gequält und getötet wurden.

„Aktion T4“

Die Einrichtung der Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund wurde erst möglich, nachdem etwa 3200 bzw. 2/3 der Patienten der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt im Zuge der „Aktion T4“ in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz abtransportiert und dort vergast wurden. In Hartheim wurden 30.000 Menschen ermordet. Umgekehrt war Steinhof Zwischenstation für Patienten anderer Anstalten. Die Zwischenverlegungen dienten dazu, Angehörige zu täuschen. Der Anstaltsleiter Alfred Mauczka wusste nichts von den Mordplänen, protestierte jedoch direkt beim Abtransport gegen Transportpläne dieses Ausmaßes. Zusammen mit anderen Anstaltsärzten konnte er etliche Gefangene retten.

Mit 24.Juli 1940 nahm die „Wiener Städtische Fürsorgeanstalt am Spiegelgrund“ mit insgesamt 640 Betten ihren Betrieb auf. Pavillon 17 war für Kinder und Jugendliche, die, wie es beschönigend hieß, „zur Beobachtung ihrer Erziehbarkeit“ da waren. Säuglingsstation und Kinderfachabteilung entschieden anhand von eingehenden Meldungen über Leben und Tod der Kinder. Lautete die Anweisung „Behandlung“, bedeutete das meist einen langen und schmerzhaften Tod des Kindes. Von den Ärzten am Spiegelgrund war Heinrich Groß, der am Spiegelgrund Kinder für Forschungszwecke missbrauchte, für die meisten Morde verantwortlich. Er war unter anderem meistbeauftragter Gerichtspsychiater Österreichs und Leiter des eigens für ihn geschaffenen „Ludwig-Boltzmann-Institutes zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems“. Vor dem OLG Wien konnte ihm die Mitbeteiligung an den „Euthanasie“-Morden nachgewiesen werden („Euthanasie“ ist griechisch für „schöner Tod“). Doch die Staatsanwaltschaft Wien weigerte sich jahrelang, ihn des Mordes anzuklagen. 2000 wurde Groß für nicht vernehmungsfähig erklärt und starb 2005.

Ich war vor dem Lockdown in der Ausstellung am Steinhof, derzeit ist sie noch geschlossen, wird aber wohl bald wiedereröffnet. Die Ausstellung in der Gedenkstätte Steinhof dokumentiert anschaulich den Rassenwahn der Nationalsozialisten, beginnend mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom Juli 1933, das die Zwangssterilisation von betroffenen Menschen vorsah. Verhaftungen, Plünderungen und Arisierungen von Sanatorien, Stiftungen und Arztpraxen zerstörten innerhalb kürzester Zeit die soziale und ökonomische Existenz der jüdischen Ärzte und Ärztinnen. Sie verloren mit 30. September 1938 ihre Zulassungen.

Es gibt viele Schautafeln mit Todeslisten, Bilder der zum Tode verurteilten Kinder und Zeitungsberichte von nach 1945 über Verhandlungen gegen Verantwortliche der Massenmorde, Ausstellungstücke sind z.B. Habseligkeiten der Opfer, ein „Anthropologischer Photographierstuhl mit Stativ“, Instrumente zur Vermessung vom Körper, medizinische Befunde, Briefe an die Eltern über den Tod ihres Kindes durch vorgeschobene, erfundene Leiden (z.B. Lungenentzündung), Hetzschriften, Transportlisten, Bücher in Schaukästen über die „Deutsche Rassenhygiene“, “ Kleine Rassenkunde“ und Hitlers „Mein Kampf“. Ich muss aber anmerken: es ist unmöglich, diese Riesenmenge an Information hier wiederzugeben. Ich kann den Besuch empfehlen, auch wenn das Gesehene nicht einfach zu verdauen ist. Die Gedenkstätte ist eine wichtige Erinnerung daran, wie schnell ein ganzes Volk das Mitgefühl und den Respekt vor dem Leben verlieren kann.

//http://gedenkstaettesteinhof.at/de/ausstellung/wien-steinhof

//Johann

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