Die Kunst des sich-lebendig-Träumens

Ich sitze hier mit meinem Schreibheft und grüble nach über einen vernünftigen Anfang für diesen Artikel. Heute ist Samstag und es wäre nicht schlecht, wenn ich bis morgen etwas beieinander hätte. Doch was soll man schreiben in Zeiten wie diesen, wo sich alles um ein Virus dreht, dessen Namen mir partout nicht einfallen will. Alle rennen mit Masken im Gesicht durch die Gegend, ich auch. Um nicht aufzufallen. Etwas muss vorgefallen sein, ich vermute einen stillen Protest gegen das Vermummungsverbot, einen mutigen Akt zivilen Ungehorsams. Ich bin stolz Teil von diesem Protest zu sein. Doch genug davon, denn Eigenlob stinkt bekanntlich. Ich habe ein wenig gelesen, um mein Gehirn zu entkrampfen: Marlene Haushofers Buch „die Wand“. Ein gutes Buch. Ich bin schon fast fertig damit. Es geht um eine Frau, die bei einem Ausflug mit Bekannten in die Berge plötzlich allein dasteht und mit einer undurchdringlichen, unsichtbaren Wand konfrontiert ist. Haushofer beschreibt, wie sie den Schock und die Einsamkeit meistert und lernt, sich durchzuschlagen. Vom Ende des 280 Seiten starken Buches bin ich noch vierzig Seiten entfernt und soviel kann ich verraten: das Ende bleibt offen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, so sind sie nirgendwo. Das sang schon ein bekannter Österreichischer Künstler namens André Heller. Die Phantasie kann wunderbar sein und hilfreich, wenn sie einem inne wohnt. Mit ihr kann man sich Tagträumen hingeben und der oft grausamen Wirklichkeit entfliehen. Aber sie ist auch ein zweischneidiges Schwert, wenn böse Menschen böse Phantasien haben. Doch Tagträumer haben – falls es überhaupt noch welche gibt – heutzutage schlechte Karten in einer Welt, in der einem alles lauwarm und vorgefertigt vorgesetzt und jeder Blödsinn, der in den sogenannten sozialen Medien steht ohne Nachzudenken geglaubt wird. Tagträumer haben bestenfalls den Ruf eines Hans-guck-in-die-Luft, schlimmstenfalls sind sie elendige Nichtsnutze. Mit Wehmut erinnere ich mich daran, dass es vor etlichen Jahren auf Ö3 am Vormittag eine Sendung gab, die „Tagträumer“ hieß und wo eine Stunde lang chillige Musik gespielt wurde ohne nerviges Gequatsche eines übermotivierten Moderators. Diese Sendung war eine staatlich verordnete Auszeit, heute ist es gerade umgekehrt: Träumen ist verpönt und Leistung ist gefragt, je mehr desto besser. Der Mensch steht im Hintergrund. Aber gut – Schuften musste man schon damals, aber es war entschieden gemütlicher, menschenfreundlicher. Damals, ich bin Jahrgang 1966, arbeitete ich zum Beispiel ein halbes Jahr in einem Tierheim, kündigte einvernehmlich und stempelte so lange, bis mir das Arbeitsamt auf die Zehen stieg, fing bei einer Reinigungsfirma an, kündigte, ging wieder stempeln und so weiter. Ich hatte eine Menge verschiedener Jobs und ging, wann ich wollte. Neue Arbeit zu finden war damals kein Problem. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mein Leben lang in der gleichen Firma zu schuften. Viele hielten und halten das ja für eine Tugend, ich nicht. Als Volksschüler ging ich einmal im Winter in Hausschlapfen zur Schule. Ich war ein Gedankenverlorenes Kind. Doch diese Gedankenverlorenheit hat mir meine Großmutter ausgetrieben, durch Schläge oder dadurch, dass sie sich darüber lustig machte, dass ich mit zehn noch Märchenbücher las. Das Lesen ist mir vergangen, dafür begann ich mit zwölf zu Rauchen und mit sechzehn zu Saufen. Aber es war nicht alles schlecht mit meiner Großmutter. Als ich etwa acht Jahre alt war, fuhren wir regelmäßig unsere Verwandten in Slowenien im ehemaligen Jugoslawien besuchen. Zweck der Reisen war, diese mit Kaffee, Zigaretten und Schokolade zu versorgen, was sich harmlos anhört, aber damals eine verbotene Schmugglerei war. Meine Oma führte die heiße Ware kiloweise in ihrer Tasche mit. Alles Sachen, die es damals in Jugoslawien eben nicht gab. Oft führen wir mit dem Belgradexpress bis Maribor. Der Zug war immer überfüllt, es fuhren auch Hühner in Käfigen und sonstiges Getier mit und jeder qualmte ohne Ende. Dann ging es noch stundenlang mit dem Bus durchs Gelände und es folgte ein langer Fußmarsch bis zu dem kleinen Bauernhof, den mein Onkel und meine Tante dort hatten. Ich liebte die Zug- und Busreisen und die Schmugglerei, die mir im Blut zu liegen scheint (siehe Indien). Die Menschen, die Sprache, die Gerüche und die Landschaft sind in mir zu einem magischen Traum verschmolzen, an den ich mich manchmal zurückerinnere, als wäre es ein anderes, aufregendes Leben gewesen, das ich doch mit mir herumtrage. Auch damals lief alles entspannter ab. Ich hänge diesen Erinnerungen sehr nach. Wahrscheinlich zu sehr, und ich werde wehmütig. Heute versuche ich wieder Zugang zur Tagträumerei zu finden, meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich schlafe gerne und ich träume viel. Das Träumen ist für mich eine Flucht vor der Realität. Mir reicht es jetzt aber mit der Schreiberei. Daher wünsche ich kurz und bündig schöne (Tag)Träume.

//Johann

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